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ANSICHTEN DES ALTEN BELLINZONA

Siehe die Sicht
Siehe die Sicht

Diese Ansichten sind von Ingenieur Giuseppe Weith auf der Basis von Ausgrabungen und Plänen, von Maurerresten und zeitgenössischen Abbildungen rekonstruiert und 1925 in Graffitto-Technik von dem Maler Baldo Carugo ausgeführt worden, um die Bogengänge im Innenhof des Rathauses zu schmücken. Die Darstellungen laden den Betrachter ein, in der Phantasie in eine vergangene Welt einzutauchen, welche jedoch mit den Stadtmauern, den weltlichen und kirchlichen Gebäuden und den zeitlosen Szenen des öffentlichen Lebens in den Strassen der Stadt wieder anklingt.
Das mittelalterliche Bellinzona war ein Städtchen inmitten einer wenig besiedelten Landschaft, vollständig von einer hohen Ringmauer umgeben. Die Häuser drängten sich eng aneinander, als ob sie um ihren Platz kämpfen müssten und Schutz suchten vor der Kälte und dem heftigen Wind, der von den Tälern herab bläst. Um die Ringmauer lief ein Graben. Drei Zugbrücken verbanden ebensoviele Tore, die in Türme eingelassen waren. Alles in allem lebten die Bewohner in einer einzigen Festung, deren Quartiere wie die Zimmer eines grossen Wohnhauses erschienen.
In seinem Innern war das befestigte Bellinzona eine Art Freiraum; für die Aussenwelt war es, ausser einem Bollwerk, ein Durchgangs- und Grenzstädtchen. Man erhob Zölle, es wurde geschmuggelt, man bot alle Dienstleistungen, die mit dem Warentransport zusammenhängen. Die Stadt bot auch allerlei temporäre Verdienstmöglichkeiten; sie konnte sich plötzlich mit Reisenden, mit Gelegenheitsarbeitern, mit Einwanderern füllen, welche die Gunst eines Augenblicks nutzen wollten.
Die Darstellungen beziehen sich zum grössten Teil auf das Ende des 15.Jahrhunderts, jene Zeit, in der die Befestigungsanlagen in jener vollsten Pracht erstrahlten, welche der Ausbau und die Verstärkungen der Herzöge von Mailand ihr verliehen hatten. Einige Ansichten stellen spätere Zustände dar, zum Beispiel das schöne Panorama aus der Vogelschau, das im Sitzungssaal des Stadtrates das Bellinzona des 18.Jahrhunderts zeigt.


Das wiederentdeckte Mittelalter – Innenhof des Rathauses

Wenn wir im Innenhof des Städtischen Rathauses die Darstellungen an den Wänden betrachten, werden Bilder längst vergangener Jahrhunderte wach. Ein Rundgang durch Bellinzona muss unbedingt an diesem Ort beginnen, der von Erinnerungen geprägt ist und Geschichte ausstrahlt. Hier können wir in unserer Phantasie eine Reise in die Vergangenheit machen, die dann auf dem Weg zu den Mauern, den Kirchen, den Plätzen und Gassen der Stadt Gegenwart wird. Und plötzlich kann es geschehen, dass Sie auf Ihrem Spaziergang eine Szene des städtischen Lebens beobachten, die Jahrhunderte zurückliegen könnte.
Wir möchten Sie auf dieser Reise in frühere Jahrhunderte begleiten und bitten Sie, sich für einige Augenblicke aus der Gegenwart auszuklinken. Sie befinden sich in einer befestigten Siedlung inmitten einer wenig bewohnten Gegend. Ringsum erheben sich starke Ringmauern, die Häuser drängen sich aneinander, als wollten sie sich vor der Kälte und dem heftigen Wind schützen, der von den Bergen herunterweht. Es sind Steinhäuser, deren kleine Fenster etwas Sonne einlassen.

 
  Einige erheben sich über die andern wie Türme, um Raum und Licht zu gewinnen; die Dächer sind zum Teil noch mit Stroh oder Holzbrettern gedeckt, und man muss fürchten, dass sie Feuer fangen. Zur Strasse hin öffnen sich Arkaden, die von Holzsäulen getragen werden. Von den Loggien über den Gassen werfen die Bewohner neugierige Blicke auf die Passanten, nicht selten fallen aber auch Essensreste und andere Abfälle in die Strasse, sodass der üble Geruch und die Verschandelung des öffentlichen Raumes immer wieder zu Protesten und Warnungen vor den Gefahren für die Hygiene und die Verbreitung ansteckender Krankheiten führten.
Die damaligen Bewohner leben in einer Festung, geschaffen durch eine Ringmauer mit drei Tortürmen, umgeben von einem Wassergraben, über den drei Zugbrücken führen. Die Stadt erscheint wie ein weitläufiges Haus; die Quartiere gleichen geräumigen Zimmern einer überfüllten Wohnung. Hier kennt sich jedermann, und man kennt eines jeden Gewohnheiten, die guten und die weniger erhebenden. Kein Sterbefall, keine Liebesbeziehung, kein Ehebruch und keine Geburt, die nicht sofort mit beinahe krankhafter Klatschsucht einander zugeflüstert würde. Ein Fremder kann hier wie ein Feind erscheinen, der eine unverständliche Sprache spricht, aber auch wie ein willkommener Informant, um den sich gleich eine Traube neugieriger Zuhörer bildet, um Nachrichten aus fernen Städten und Höfen zu hören. Hier kann der Disput um einen Karren, der im Wege steht, oder um ein scheuchendes Pferd in eine Schlägerei ausarten.
Die Luft ist erfüllt von Stimmen, Schreien, Flüchen, Rufen und den Geräuschen der lauten und leiseren Gewerbe. Im Halbdunkel des Laubenganges verfasst der Notar am Arbeitstisch seine Akten. Wie ein Besessener schlägt der Schmied mit schwerem Hammer im Rhythmus auf das glühende Eisen. Der Spezereienhändler ordnet peinlich genau die abgepackten Gewürze auf seinen Regalen. Der Metzger zerlegt das Fleisch für den Verkauf. Der Bäcker holt das Brot aus dem Ofen und preist den Käufern die Qualität und Vielfalt seines Angebots.
An den Markttagen füllen sich Gassen und Plätze mit lauten Käufern und Verkäufern: Bauern, die mit den Produkten des Gemüsegartens und der Geflügelgehege ankommen, Fischern, Krämern, die Geräte für Haus und Garten anbieten, Händlern mit begehrten Stoffen, Älplern, welche Käse, Quark, Rahm und Butter verkaufen. Bei genauem Hinsehen ist es nicht viel anders als im Gedränge des heutigen Samstagsmarktes.
Und wie steht es mit den Gasthäusern? Dort findet man eine Vielfalt von Abenteurern, die einen Becher herben Nostrano trinken, vor allem aber Fremde mit seltsamen Redeweisen, Kleidungen und vielleicht unter dem Rock versteckten Waffen, und mit Beuteln voll auswärts verdienten Geldes. In der Stille der Nacht, wenn die Wachen auf den Wehrgängen und Türmen ihre Runden drehen und die Fremden auf den Liegestätten grosser Gemeinschaftsräume oder bei den Pferden im Stall schlafen, kann einer auf den Gedanken kommen, den Schlaf des andern zu nutzen, um ihm ein Goldstück zu entwenden. Es geschehen kleinere und grössere Diebstähle, Raufereien, Streitigkeiten zwischen Händlern, und die Obrigkeit eilt herzu, besänftigt einen Schläger, führt Untersuchungen und Befragungen durch. Und dann sind da auch die Soldaten beim Würfelspiel, die Burgherren auf den Spuren von Schmugglern und die Mailänder Richter, welche Recht sprechen.
Dies ist nur ein kurzer Streifblick in die kleine Welt des mittelalterlichen Bellinzona. Eingeschlossen in seine festen Mauern, verteidigt von einer militärischen Garnison, ist das Städtchen in eine Atmosphäre fiebriger Aktivität getaucht, und unablässig späht man hinter den Zinnen nicht nur nach der Ankunft des gefürchteten Feindes, sondern auch nach Fremden, die Handelswaren, Konsumgüter und Geld bringen und es der Bürgerschaft ermöglichen, einen gewissen Wohlstand zu erwerben.