Das Spätmittelalter
Der Übergang Bellinzonas an Mailand unter den Visconti im Jahre
1340 bedeutete für den festen Platz die Eingliederung in einen
reichen, zivil und militärisch durchorganisierten Territorialstaat.
In den formairechtlich definitiven Besitz Bellinzonas gelangten die
Visconti allerdings erst 1396, als König Wenzel an Gian Galeazzo
Visconti mit dem Herzogtitel auch die Lehensrechte über die
Grafschaft Bellinzona veräusserte. Die Mailänder Beamten
setzten im Laufe des 14. Jahrhunderts die ordnungsstaatlichen Prinzipien
der lombardischen Territorialmacht durch und sorgten mit Nachdruck
für die Sicherheit auf den Strassen, die Wahrung der Zollrechte
und die Bekämpfung des kriminalisierten Fehdewesens. Dank diesen
Massnahmen erlebte der Handelsverkehr über den Gotthardpass
jenen Aufschwung, der ihm wegen der vorangegangenen Wirren trotz
der Öffnung der Schöllenenschlucht im 13. Jahrhundert bis
anhin versagt geblieben war.
Der wohlgeordnete Viscontistaat schien nach dem Tode Gian Galeazzos
1402 auseinanderzufallen. Albert von Sax, der Herr der Mesolcina,
bemächtigte sich 1403 Bellinzonas, geriet aber in Bedrängnis,
als sich das Herzogtum unter Giovanni Maria und Filippo Maria Visconti
wieder erholte. Er suchte Rückendeckung bei den Urnern, die
ihn zusammen mit den Obwaldnern ins Landrecht aufnahmen. 1419 kauften
sie den Freiherren von Sax die Feste Bellinzona ab, vermochten sie
aber nicht zu behaupten. Denn als sie auf das mailändische Rückkaufsangebot
nicht eingingen, vertrieb der Mailänder Feldherr Carmagnola
1422 die Innerschweizer Besatzung aus Bellinzona. Der Versuch, mit
Hilfe der Miteidgenossen den festen Platz zurückzuerobern, endete
am 30. Juni 1422 mit der blamablen Niederlage von Arbeda, welche
die Aussichten der Urner und ihrer Verbündeten auf eine territoriale
Expansion an den Lago Maggiore auf längere Zeit zunichte machte.
Für das ganze 15.Jahrhundert blieben die Versuche der Urner,
die 1422 so schmählich verlorene Feste Bellinzona zurückzugewinnen,
ohne Erfolg. 1441 erzwangen sie nach einem neuerlichen Feldzug vor
Bellinzona, das sie nicht einnehmen konnten, bloss die Abtretung
der Leventina bis zur Brücke von Biasca. Auch das Unternehmen
von 1478, das nach vergeblichem Angriff auf Bellinzona mit dem Sieg
von Giornico wenigstens die Innerschweizer Waffenehre rettete, brachte
die Urner in ihrem Ringen um Bellinzona nicht weiter. Gegen das territoriale
Ausgreifen der Urner und ihrer Miteidgenossen konnte Mailand unter
den Visconti und seit 1450 unter den Sforza den Reichtum, die diplomatische
Erfahrung und die militärischen Machtmittel des Herzogtums einsetzen.
An einem Krieg mit den Eidgenossen nicht interessiert, versuchte
Mailand mit Erfolg, diese mit Geldentschädigungen und Handelsprivilegien
abzufinden. Um ihr Territorium vor den unberechenbaren Innerschweizern
militärisch zu schützen, gaben die Herzöge die oberen
Tessintäler im Sinne eines Glacis preis und konzentrierten ihre
Verteidigungsanstrengungen auf Bellinzona, dessen alte Befestigungen
sie im Laufe des 15. Jahrhunderts zu einer kaum bezwingbaren Talsperre
ausbauten. Schon um 1350 dürfte das Castello di Montebello vergrössert
und mit Schenkelmauern an die Stadtbefestigung angeschlossen worden
sein. Und kurz nach 1400 entstand auf einem erhöhten Felskopf
der östlichen Bergflanke ein Turm, der Kern des späteren
Castello di Sasso Corbaro. Noch unter den Visconti wurde der Versuch
unternommen, unter Ausnützung einer natürlichen Felsrippe
eine Sperrmauer bis über den Ticino hinaus an die westliche
Bergflanke zu ziehen. Mächtige Verstärkungen erhielten
in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts das Castelgrande
und das Castello di Montebello. Nach dem Giornicokrieg wurde geradezu
fieberhaft an den Befestigungswerken gearbeitet. Die Murata, die
Sperrmauer westlich des Castelgrande, wurde vollständig neu
aufgeführt, auf Sasso Corbaro entstand ein starkes Kastell,
verstärkt und erhöht wurden die Stadtmauern und die Aussenwerke
der Burgen. Verschiedene Baumeister, die im späteren 15. Jahrhundert
die Arbeiten an den Befestigungsarbeiten geleitet haben, sind namentlich
bekannt. Sie stammten zum Teil aus Italien, so BENEDETTO DA FIRENZE,
FRANCESCO DA MANTOVA oder MAFFEO DA COMO, oder aus dem Tessin wie
GABRIELE GHIRINGHELLI oder GIORGIO DA CARONA. Der imposante Anblick,
den die Befestigungen von Bellinzona heute bieten, geht im wesentlichen
auf die Bautätigkeit der Herzöge von Mailand im 15. Jahrhundert
zurück.
Die etwas hastige Bauweise zwang zur Verwendung älterer Mauerteile,
die sich an verschiedenen Stellen der Befestigungsanlagen, vor allem
an den Stadtmauern und am Montebello, deutlich abzeichnen.
Erst die politische Zerrüttung des Herzogtums Mailand um 1500
verhalf den Eidgenossen zur Gelegenheit, die für sie praktisch
unbezwingbare Feste Bellinzona in die Hand zu bekommen.
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