Die römische Kaiserzeit
Unter Kaiser Augustus ist der Alpenraum in mehreren Feldzügen
dem Imperium Romanum angegliedert worden. Das rätische Gebiet
wurde 16/15 v. Chr. durch einen grossen Zangenangriff, begleitet
von Nebenaktionen, unterworfen. Als Basis für einen solchen
Vorstoss wurde auf dem Felshügel des Castelgrande ein Kastell
angelegt, dessen archäologische Spuren (Reste einer Umfassungsmauer,
Kleinfunde) anlässlich der Grabungen von 1967 nachgewiesen worden
sind. Mit der administrativen Festigung des Reichsinnern und der
Verlagerung der Reichsgrenze auf rechtsrheinisches Gebiet verlor
die Militäranlage im Verlaufe des 1. Jahrhunderts n. Chr. ihren
Sinn und wurde aufgegeben.
Eine erneute Befestigung des Platzes erfolgte im 4. Jahrhundert n.
Chr. im Zuge der diokletianisch-konstantinischen Reichsreform mit
ihrem in die Tiefe gestaffelten, auf Kastelle und Wachttürme
abgestützten Verteidigungssystem. Die innerste Linie, die Italien
schützen sollte, bestand aus einer Kette von Sperrbefestigungen
an den südlichen Alpenausgängen. Dieses Verteidigungskonzept
machte den Bau eines Kastells in Bellinzona unumgänglich. Um
die Mitte des 4. Jahrhunderts entstand auf dem Hügel des Castelgrande
eine weitläufige Wehranlage, die im Bedarfsfall eine ganze Kohorte
(ca. 1000 Mann) hätte aufnehmen können. Archäologisch
nachgewiesen sind am südlichen Rand des Burgplateaus die Reste
der wehrhaften Umfassungsmauer mit einem später zugemauerten
Tor.
Wohl aus dem Versorgungsbereich dieses Kastells ist die nachmalige
Grafschaft (comitatus) Bellinzona hervorgegangen, ein im 11. Jahrhundert
urkundlich erstmals erwähnter Verwaltungsbezirk. Dessen Pfarrkirche,
St. Petrus geweiht, dürfte im 5. oder 6. Jahrhundert im Innern
des Kastellareals errichtet worden sein. Die Wirksamkeit der Sperre
von Bellinzona zeigte sich 475, als eine wohl über den San Bernardino
vorgerückte Schar von 900 Alemannen auf den «Campi Canini» (beim
heutigen Arbedo nördlich von Bellinzona) besiegt und zur Umkehr
gezwungen wurde.
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