Die Zeit nach 1500
Die lnnerschweizer Herrschaft brachte der Bevölkerung von Bellinzona
keine einschneidenden Veränderungen der Lebensbedingungen. Die
Wirtschafts und Sozialstrukturen blieben bestehen, desgleichen die
lokalen Verwaltungsorgane. An die Stelle der mailändischen Beamten
traten die lnnerschveizer Landvögte, allerdings mit dem Unterschied,
dass diese die zivile und militärische Gewalt ausübten,
während unter den Herzogen von Mailand das Kommando über
die Befestigungswerke von der Stadtverwaltung getrennt gewesen war.
1503 richteten Uri, Schwyz und Nidwalden in Bellinzona eine Münzstätte
ein, in der sie gemeinsam Gold und Silberprägungen herstellten.
1548 wurde diese Münzstätte allerdings nach Altdorf verlegt.
Die Befestigungsanlagen von Bellinzona hatten mit dem Übergang
an die Eidgenossenschaft, gegen die sie ja errichtet worden waren,
ihren militärischen Sinn verloren und wurden in der Folgezeit
nicht weiter ausgebaut. Die Landvögte zogen es vor, ihren Sitz
in der Stadt aufzuschlagen. Als 1515 ein verheerendes Hochwasser,
die «Buzza», einen Teil der Murata zerstörte, verzichtete
man auf eine Wiederherstellung. Auf den drei Burgen, die 1506 unter
den regierenden Orten aufgeteilt wurden (daher die Namen Uri, Schwyz
und Unterwalden), sassen Innerschweizer Kastellane mit ein paar «Zusätzern» (Kriegsknechten),
die den Ordnungs und Polizeidienst versahen. Für den Kriegsfall
der nie eintrat waren Besatzungen zwischen je 60 und 80 Mann vorgesehen.
Beim eingelagerten Geschütz scheint es sich um veraltete Stücke
gehandelt zu haben.
Mit der Gründung des Kantons Tessin im Jahre 1803 gingen die
drei Burgen in den Besitz des neuen Kantons über. Montebello
und Sasso Corbaro verfielen immer mehr der Verwahrlosung und boten
sich um 1900 als Halbruinen dar, desgleichen die Stadtmauern und
die Murata. Das Castelgrande diente seit 1813 als Zeughaus, seit
etwa 1820 auch als kantonales Gefängnis. Als nach 1850 der junge
schweizerische Bundesstaat zur Demonstration seines Wehrwillens die
Gotthardachse zu befestigen begann, entstand bei Sementina eine an
mittelalterlichen Bauformen orientierte Talsperre, in deren rückwärtigen
Versorgungsraum auch das Castelgrande einbezogen wurde. 1881 scheiterte
ein Versuch der Regierung, das Castelgrande zu veräussern, weil
sich kein Käufer finden liess. Bestrebungen, die Befestigungsanlagen
von Bellinzona als Baudenkmäler vor dem Verfall zu bewahren,
setzten kurz nach 1900 ein. Die umfassendsten Sicherungs und Wiederherstellungsarbeiten
fielen in die Zeit zwischen 1920 und 1955. Geleitet wurden sie durch
die Architekten 0. WEITH und M. ALIOTH. Die Sanierungsmassnahmen
fanden ihren Abschluss mit der 1992 vollendeten Restaurierung des
Castelgrande durch A. GALFETTI.
< vorhergehende Seite
|