Castello di Sasso Corbaro
Auf dem höchsten Punkt des Felsrückens, über den
sich die Befestigungsanlagen von Bellinzona verteilen, erhebt sich,
ca. 600 m südöstlich der Stadt, die Feste Sasso Corbaro
(nach 1506 Schloss Unterwalden, 1818 Castello Sta Barbara). Im Unterschied
zu den übrigen Wehranlagen, die im Laufe des 13. bis 15. Jahrhunderts
zu einem einzigen, miteinander verbundenen Verteidigungssystem zusammengewachsen
sind, präsentiert sich Sasso Corbaro als isolierter, nach allen
Seiten hin freistehender Gebäudekomplex. Nach einer Notiz aus
der Mitte des 15. Jahrhunderts soll um 1400 auf dem Hügel von
Sasso Corbaro schon einmal ein wehrhafter Turm gestanden haben. Verschiedentlich
regten im späteren 15. Jahrhundert Mailänder Sachverständige
an, den Platz wieder zu befestigen, da er im Sperriegel von Bellinzona
eine Lücke offen lasse, durch die räuberische Kriegergruppen
der Eidgenossen in mailändisches Gebiet eindringen könnten.
Mit dem Bau wurde erst nach 1478 begonnen. Zunächst errichtete
man den festen Turm in der nachmaligen Nordostecke des Gebäu
dekomplexes, anschliessend die übrigen Teile der Wehranlage.
Schon 1479 konnte eine erste kleine Besatzung in der noch unvollendeten
Anlage Quartier beziehen. Gebaut wurde anscheinend bis um 1481/82.
Die kleine Feste diente in Friedenszeiten auch als Gefängnis,
das aber, wie die Flucht eines Häftlings im Jahre 1494 beweist,
keineswegs ausbruchsicher war.
Blitzschläge setzten im 16. und 17. Jahrhundert dem Bau wiederholt
zu, und gegen 1900 bot er sich als vom Zerfall bedrohte Ruine dar.
Die an sich verdienstvollen Sicherungsarbeiten unseres Jahrhunderts
haben leider wichtige baugeschichtliche Befunde stark verwischt,
so dass wir für eine Beschreibung des Originalzustandes auf
die Beobachtungen von JR. RAHN (um 1889) zurückgreifen müssen.
Die Hauptburg bildet ein Quadrat von ca. 25 m Seitenlange, aus dem
in der Nordost und Südwestecke Vierecktürme von ungleicher
Grösse vorstehen. Das Festungsgeviert die Mauerstärke schwankt
zwischen 1,8 m auf der Ostseite (Angriffsfront) und ca. 1 m auf den übrigen
Seiten war für eine Rundumverteidigung konzipiert. Die Mauer
trägt allseitig einen Wehrgang, der mit Maschikulis und Schwalbenschwanzzinnen
ausgestattet ist. Den gleichen Mauerabschluss zeigt auch der kleine
Turm in der Südwestecke.
Der Eingang zur Hauptburg befindet sich in der talseitigen Westfront.
Er weist noch die Spuren eines Fallgatters sowie einer Vernegelungsvorrichtung
auf und führt in einen rechteckigen Innenhof. Dessen Süd
und Westseite wird von einem inwendig an die Umfassungsmauer gelehnten
Wohntrakt gebildet, Über den zwei Geschossen spannte sich ursprünglich
ein Giebeldach, das unterhalb des Wehrganges ansetzte. Ausgestattet
war der Wohntrakt mit Kaminen, Aborten und einem Küchenraum.
Ein Ziehbrunnen befindet sich auf der Ostseite des Hofes neben einer
kleinen Kapelle, die mittlerweile restauriert zur Zeit Rahns völlig
ruiniert war.
Der massive Hauptturm in der Nordostecke der Anlage, offenbar der
zuerst errichtete Bau, umfasst heute vier Geschosse. Auch er war
zum Wohnen eingerichtet, über seine ursprüngliche Höhe
und die Gestaltung seines oberen Abschlusses (Dach, Zinnen, Maschikulis?)
liegen keine eindeutigen Hinweise vor.
Südlich und westlich der Kernburg haben sich Reste von Zwingeranlagen
und Nebenbauten erhalten. Sie gehören zu einem vielleicht unfertig
gebliebenen Vorburgbereich. Auf der Ostseite, wo ein Angreifer ebenen
Zugang zur Burg gefunden hätte, müsste eigentlich ein Graben
erwartet werden. Ein solcher ist aber offensichtlich nie in den Fels
gehauen worden.
Im Castello di Sasso Corbaro sind heute die «Sala Emma Pogta» (17.
Jahrhundert) sowie verschiedene Ausstellungs und Begegnungsräume
untergebracht. Die Umbauten der Räumlichkeiten erfolgten unter
der Leitung von Tita Carloni (1963-64) und Paola Piffaretti (1998-2004).
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