Die Stadtbefestigung
Die offene Markt und Transitsiedlung östlich des Castelgrande
dürfte noch vor der Mitte des 13. Jahrhunderts in eine befestigte
Stadt umgewandelt worden sein. Weder in der Überbauungsstruktur
noch im Strassenplan der heutigen Altstadt zeichnen sich Hinweise
auf nachträgliche Erweiterungen des Befestigungsgürtels
ab, so dass wir von der Annahme ausgehen können, der Verlauf
der heute noch erhaltenen Stadtmauern aus dem Spätmittelalter
entspreche der Linienführung der ältesten Verteidigungsanlagen.
Im Unterschied zu anderen Städten, deren Befestigungen sich
konzentrisch um die Siedlungsflachen legen, bestehen die Stadtmauern
von Bellinzona aus zwei getrennten Verteidigungslinien, deren Enden
an die Wehranlagen der höher gelegenen Festen Castelgrande und
Montebello anschliessen, und zwar in so enger Verflechtung, dass
kaum eindeutig entschieden werden kann, wo die Stadtmauern beginnen
und die Aussenwerke der Burganlagen aufhören. Der nördliche
Mauerring endet am Fusse des senkrecht zum Castelgrande aufsteigenden
Felsens mit einem Turm und ist mit der Umfassungsmauer der Burg nicht
direkt zusammengehängt.
Während die nördliche Stadtmauer in gestreckter Linienführung
vom Fuss des Castelgrande Hügels zum Castello di Montebello verläuft,
beschreibt die südliche Befestigungslinie einen weiten Bogen
und umschliesst so die Stadtquartiere südlich der Piazza Nosetto.
Ausserhalb der Stadtbefestigung lag die Vorstadt Orico mit dem ehemaligen
Ursulinerinnenkloster (an der Stelle des heutigen Regierungsgebäudes).
Aufrecht stehen heute noch etwa 60 Prozent der ursprünglichen
Stadtmauern, und diese Originalsubstanz ht im Verlaufe der letzten
hundert Jahre zahlreiche Veränderungen erfahren, teils durch
Sanierungsmassnahmen von sehr unterschiedlicher Qualität, teils
durch Öffnungen im Interesse des modernen Fuss und Fahrverkehrs.
Im südlichen Abschnitt ist der Verlauf der abgebrochenen Partien über
eine weitere Strecke in der Strassenpflasterung markiert. Als besonders
bedauerlich ist der Verlust aller drei Stadttore durch ihre Schleifung
im 19. Jahrhundert zu bezeichnen. Einen Eindruck, wie sie im Spätmittelalter
ausgesehen haben könnten, vermittelt ausser alten, allerdings
nicht sehr genauen Abbildungen das vierte To im Mauerring, das sich
in jenem westlichen Teilstück der südlichen Befestigungslinie
erhebt, welches von der Stadt aus zum Castelgrande hochsteigt. Durch
dieses Tor hat bis zum Bau moderner Zufahrten der Hauptzugang zum
Castelgrande geführt.
Das Tor besteht aus einem viereckigen, aus der Mauerflucht vorspringenden Turm,
bewehrt mit Schwalbenschwanzzinnen über einem Maschikulikranz. Feindseitig
war dem Torturm ein Graben vorgelagert, woran die Nuten für eine Zugbrücke
erinnern. Der Tordurchlass ist stichbogig abgewölbt, in den oberen Geschossen
ist der Turm rückseitig offen geblieben.
Die drei abgebrochenen Stadttore waren wohl etwas grösser dimensioniert
und scheinen mit einfachen Vorwerken ausgestattet gewesen zu sein. Das einzige
Tor in der nördlichen Stadtmauer erhob sich am Ende der Via Codeborgo und
hiess Porta Tedesca oder Porta di Codeborgo. Der südliche Mauerzug wies
ursprünglich ebenfalls nur ein Tor auf, die Porta Lugano, die sich bei der
Piazza S. Rocco (heute Piazza dell'indipendenza) öffnete. Vermutlich erst
mit der B dung der Vorstadt Orico im späteren Mittelalter ist der südwestliche
Abschnitt der Stadtmauer mit der Porta Locarno oder Porta ntova ausgestattet
worden. Die Toröffnung im Flankierungsturm westlich der Piazza delllndipendenza
ist erst in moderner Zeit durchgebrochen worden.
Die heutige Gestalt der Stadtmauern von Bellinzona wird durch die um 1475-80 vorgenommenen
Bauarbeiten geprägt: Die bestehenden Mauern wurden erhöht und mit einem
durchgehenden Maschikulikranz, bewehrt mit Schwalbenschwanzzinnen, ausgestattet.
Erhöht und verstärkt wurden auch die Türme, mit Einschluss der
Tore insgesamt S in der nördlichen und 13 in der südlichen Befestigungslinie.
Auch sie erhielten Maschikulis und mehrheitlich eine gewölbegestützte
Wehrplatte zum Aufstellen von Geschützen. In den erhaltenen Mauerteilen
der südlichen und nördlichen Befestigungslinie stecken ältere
Elemente mit fluchtbündigen, niedriger angesetzten Schwalbenschwanzzinnen.
Sie gehören vielleicht zu einem Neubau der Stadtmauer, von der um die Mitte
des 14. Jahrhunderts die Rede ist. Wahrscheinlich ist schon damals die Stadtbefestigung
mit dem Castello di Montebello zusammengehängt worden.
Nicht mehr erhalten sind die den Stadtmauern vorgelagerten Gräben, die im
ebenen Gelände, wo kein steil abfallender Fels natürlichen Schutz bot,
als Annäherungshindernisse unverzichtbar waren.
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