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| Castelgrande, Ansicht von Westen. Im Vordergrund
die Murata, rechts oben Sasso Corbaro. |
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Beschreibung der Befestigungsanlagen
1242 hiess es von Bellinzona, der Platz gemeint war das Castelgrande
sei natürlich und künstlich so stark befestigt, dass er
auf keine Weise erstürmt werden könne. Ähnlich äusserte
man sich im 15. Jahrhundert in der Eidgenossenschaft, wo man Bellinzona
für uneinnehmbar hielt.
Noch heute lässt sich beim Betrachten all der Mauern, Türme,
Zinnen und Schiessscharten die Trutzwirkung nachempfinden, die im
Mittelalter die Talsperre von Bellinzona ausgestrahlt haben muss.
Die unzähligen Einzelelemente vereinigen sich zu einem grandiosen
Gesamtwerk, das die wirtschaftliche, politische und organisatorische
Macht der Herzöge von Mailand, die der Sperrfeste ihre definitive
Gestalt gegeben haben, ahnen lässt.
Wie erwähnt, war die
strategische Bedeutung der Talsperre zu allen Zeiten an die verkehrspolitische
Lage Bellinzonas gebunden, und deren rein militärischer Aspekt
hat sich im Laufe der Jahrhunderte wiederholt gewandelt. In der römischen
Kaiserzeit und im Hochmittelalter diente Bellinzona als Stützpunkt
der staatlichen Zentralgewalt und als Garnisonsplatz für operative
Unternehmungen. Diesen Garnisonscharakter behielt Bellinzona im 14.
und 15. Jahrhundert bei wovon die Ereignisse im Arbedo und Giornicokrieg
erinnern , gleichzeitig aber nahm die Feste immer mehr die Gestalt
einer nach Norden gerichteten Talsperre an und markierte so eine
wehrhafte Grenzlinie, die von den Nachbarn, d. h. den Eidgenossen,
in feindlicher Absicht nicht überschritten
werden durfte. Für die friedliche Durchquerung des Engpasses,
namentlich für den Viehhandel, öffnete sich der Portone
in der Murata, der es den Innerschweizern gestattete, ihre Rinderherden
unter Umgehung der engen Gassen des Städtchens Bellinzona auf
die oberitalienischen Märkte zu treiben. Die spätmittelalterliche
Rolle als mailändische Sperrfeste beherrscht eindeutig den Gesamteindruck
der Wehranlagen. Von den römischen und frühmittelalterlichen
Verteidigungseinrichtungen haben sich nur archäologisch fassbare
Spuren erhalten. Die hochmittelalterlichen Wehrbauten verschwinden
soweit sie überhaupt noch aufrecht stehen in den mailändischen
Festungswerken oder setzen vereinzelte Akzente, wie die Torre Nera
und die Torre Bianca auf dem Castelgrande. Und nichts, was aus der
Zeit vor 1350 noch sichtbar ist, trägt den Stempel des Ungewöhnlichen:
Die hochmittelalterlichen Wehrbauten von Bellinzona sind burgenbauliche
Dutzendware, wie wir sie in den südlichen Alpentälern regelmässig
antreffen.
Ganz anders die mailändischen Festungswerke des Spätmittelalters.
Diese fügen sich zu einer Talsperre zusammen, die in ihrer Verbindung
von praxisbezogenen Verteidigungseinrichtungen, architektonischem
Gestaltungswillen und andesfürstlicher Machtsymbolik selbst
im gesamteuropäischen Vergleich ein einzigartiges Baudenkmal
bildet.
Nur die Beobachtung der Einzelheiten vermittelt die zum Verständnis
des Ganzen erforderliche Einsicht in das bewusst auf ein konkretes
Feindbild angelegte Verteidigungskonzept. Gesperrt wird das ganze
Tal; der Gefahr einer Umgehung durch Kleinverbände, die über
die steilen Bergflanken infiltrieren könnten, begegnet man durch
das Prinzip der Rundumverteidigung. Gegen das Vorschieben von Belagerungseinrichtungen
kann von den Plattformen der Türme und von erhöhten Geländepunkten
aus mittlere und schwere Artillerie (Feldschlangen und Bombarden)
eingesetzt werden. Sturmangriffe, die man von den Eidgenossen auch
in unwegsamen Felsgelände zu gewärtigen hat, werden mit
dichtem Frontal und Flankenfeuer aus leichtkalibrigen Geschützen
(Falkonen) sowie mit Armbrust und Hakenbüchse abgewehrt. Die
Maschikulis schliesslich gestatten die Verteidigung der Mauern gegen
Leiterangriffe und Unterhöhlen mittels gedecktem Abwurf von
Pech, Steinen und Brandsätzen.
All die Zinnen, Scharten und sonstigen Einrichtungen sind für
ganz spezielle Aufgaben innerhalb dieses Abwehrkonzeptes gestaltet.
Wir können zwischen Scharten für leichtkalibrige Geschütze
und für Hakenbüchsen oder Armbrüste unterscheiden,
zwischen Schiessluken für frontalen und für flankierenden
Beschuss. Auffallend aber bleibt die relative Schwäche des Mauerwerks,
das einem Artilleriebeschuss kaum hätte standhalten können.
Man war sich in Mailand bewusst, dass die Eidgenossen kaum imstande
waren, grobes Belagerungsgeschütz über den Gotthard zu
schaffen.
Ein viel grösseres Problem bot die für eine wirksame
Verteidigung der Talsperre erforderliche Truppenzahl. Vorsichtige
Schätzungen
ergeben einen Sollbestand von rund 2500 Mann. (1499/1500 hat sich
gezeigt, dass 1000 Mann nicht ausreichten, um die Festung als Ganzes
zu behaupten.) Zudem konnten sich die grossen Höhenunterschiede
in der Topographie von Bellinzona nachteilig für die Verteidigung
auswirken, indem die stufenförmig abgesetzten Ring und Verbindungsmauern
mit ihren schmalen Wehrgängen und steilen Treppen eine rasche
Verschiebung von Reservekontingenten erschwerten. Unklar bleibt,
wie die den Militärkommandanten nicht unterstellte Zivilbevölkerung
von Bellinzona in einen Abwehrkampf hätte einbezogen werden
sollen.
Der Erfolg einer Verteidigung, namentlich im Falle einer Belagerung,
hing auch wesentlich von der Versorgung der Mannschaft mit Proviant,
Waffen und Munition ab. Hier sassen die Besatzungstruppen, selbst
bei voller Stärke, am längeren Hebelarm, weil der im 15.
Jahrhundert noch benützbare Hafen einen Nachschub auf dem kapazitätsstarken
Wasserweg gestattete, während sich die Angreifer durch Fouragieren
in den kargen Gebirgstälern versorgen mussten. Alles in allem
aber bedeutete die militärische Verteidigung Bellinzonas auch
für das reiche Herzogtum Mailand eine finanzielle Belastung,
der man nach Möglichkeit auf diplomatischem Weg durch Schmiergelder
an die eidgenössische Führungsschicht, durch Handels und
Zollprivilegien und durch Ausnützung der Interessengegensätze
unter den Eidgenossen selbst auszuweichen trachtete. So bleibt Bellinzona
ein historisches Denkmal nicht nur der mailändischen Festungsbaukunst,
sondern auch der Ohnmacht eidgenössischer Territorialpolitik
im Spätmittelalter.
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